Auferstehen aus Ruinen

Die Berlinische Galerie feiert ihre Wiedereröffnung nach einjähriger Pause mit einer gelungenen Ausstellung: „Radikal Modern – Planen und Bauen der 1960er Jahre“. Denn die 1960er-Bauten prägen die Stadt bis heute. Manch skurrile Entwürfe sind zum Glück in der Schublade geblieben.

Engelbert Kremser,  Europa-Center, Fotomontage, 1969,  © Engelbert Kremser/Berlinische Galerie, Repro: Markus Hawlik

Wie ein organisches Gewächs türmt sich das Europa-Center am Breitscheidplatz auf dem Entwurf von Engelbert Kremser (1969) in die Höhe. Es erinnert an ein Hundertwasser-Haus – ohne die bunten Farben. Eher wie eine finstere „Herr-der-Ringe“-Trutzburg wirkt das, was sich da bedrohlich in den Himmel schraubt. Glücklicherweise hat sich der Entwurf nicht durchgesetzt. Der „Erdhügel-Bau“ hätte den Platz förmlich erschlagen.

Die 1960er-Jahre sind zwar eine vergleichsweise kurze Bauepoche gewesen, aber für Berlin eine ungemein prägende. Keine andere vereint so viele beeindruckende Baudenkmäler und gleichfalls so grässliche Bausünden im Stadtbild. Somit bietet die Ausstellung „Radikal Modern – Planen und Bauen im Berlin der Sechziger Jahre“ einen vortrefflichen Zugang für Touristen, sich Berlin zu erschließen. Und: Sie bietet eine gute Gelegenheit, eine Zeit zu verstehen, die in ihrer Architektur so diametral zu unserem heutigen Verständnis steht. Heute ziehen wir lieber wieder in schick sanierte Altbauten, bauen wir ganze Stadtschlösser detailgetreu nach. In den 1960er-Jahren schossen hingegen die Neubauten in die Höhe, wandten sich die Architekten radikal von der Vergangenheit ab und nahmen die Zukunft in den Blick. Trotz Kaltem Krieg und aller Abgrenzungsversuche ironischerweise gleichermaßen in Ost- und Westberlin. Die Narben des Zweiten Weltkrieges schlossen die Architekten hüben wie drüben mit radikalen Neubauten und komplett umgestalteten Plätzen: Das Staatsratsgebäude und DDR-Außenministerium, der Alexanderplatz mit dem Fernsehturm, der fast seine markante Kugel nie bekommen hätte. Auf der anderen Seite der Mauer das Kulturforum mit der Neuen Nationalgalerie und der neue Breitscheidplatz.

Museum-Berlin_Radikal-Modern, Heinz-Lieber, Panorama-Alexanderplatz

Rollende Gehsteige und Trabantenstädte

Einige Entwürfe sind glücklicherweise in der Schublade geblieben: Etwa ein Autobahnring mitten durch Kreuzberg über den Oranienplatz für den zunehmenden Autoverkehr oder die riesigen Terrassenhäuser von Josef Kaiser in Ostberlin, die jeweils 22.000 Einwohnern Platz bieten sollten. Sie wären heute vermutlich tote Trabantenstädte. Um manches Projekt ist es wiederum schade: So etwa um die „Rollenden Gehsteige“ rund um den Ku’damm, die Fußgänger in Röhren über mehr als zwei Kilometer getragen hätten. Andere gigantomanische Projekte sind aber doch Wirklichkeit geworden: die Hochhaus-Siedlungen Märkisches Viertel und Gropiusstadt. Damals galten sie als heiß ersehnte Antwort auf einen extremen Wohnungsnotstand.

Georg Kohlmaier, Barna von Sartory, Rollende Gehsteige am Kurfürstendamm, Repro Bildcollage, 1969, © Georg Kohlmaier/Elisabeth von Sartory/Berlinische Galerie, Repro: Markus Hawlik

Eine gelungene Ausstellung, die vielfältig mit Plänen, Modellen und Fotos über diese entscheidende Epoche informiert und die Berlinische Galerie nach einer zehnmonatigen Sanierung feierlich wiedereröffnet. Übrigens: Mag Engelbert Kremsers „Erdhügel-Europahaus“ nie verwirklicht worden sein. Zwei seiner Entwürfe der „organischen Architektur“ können Besucher heute besuchen: das Spielhaus im Märkischen Viertel und das Café am See im Britzer Garten.

Berlinische Galerie, Ausstellung: Radikal modern, bis 26. Oktober 2015, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin (Kreuzberg), täglich 10 bis 18 Uhr (außer dienstags), www.berlinischegalerie.de

 

 

Fotos:

Berlinische Galerie, Haupteingang © Foto: Nina Straßgütl

Georg Kohlmaier, Barna von Sartory, Rollende Gehsteige am Kurfürstendamm, Repro Bildcollage, 1969, © Georg Kohlmaier/Elisabeth von Sartory/Berlinische Galerie, Repro: Markus Hawlik

Heinz Lieber, Panorama Alexanderplatz, Fotografie, 1972, © Rechtsnachfolger Heinz Lieber, Repro: Kai-Annett Becker

Engelbert Kremser, Europa-Center, Fotomontage, 1969, © Engelbert Kremser/Berlinische Galerie, Repro: Markus Hawlik

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